Haunted [FSK18]
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Alina
Gelöschter Benutzer
Haunted [FSK18]
von Alina am 18.06.2022 13:00Im Einzelnen gibt es in dieser Geschichte Darstellung von Gewalt und Tod. Falls Euch beim Lesen eine Triggerwarnung ins Auge springt, die ich hier vergessen habe, bitte schickt mir eine Nachricht und ich werde sie hier hinzufügen.

Alina
Gelöschter Benutzer
Entwurf Folge 1
von Alina am 18.06.2022 13:18Alina
Gelöschter Benutzer
Leseprobe
von Alina am 19.06.2022 11:45Eine kleine, dünne Gestalt schleppt sich durch das Gras, immer wieder halten Büsche und Sträucher sie davon ab, schneller voranzukommen. Vereinzelt stehen auch Laubbäume herum, die aber um diese Jahreszeit schon fast alle Blätter abgeworfen haben. Die Gestalt drückt sich vorsichtig und leise an einem hochgewachsenen Strauch vorbei. Nur leichte weibliche Rundungen lassen vermuten, dass es sich um ein Mädchen handeln muss. Eine ungezähmte Fahne aus langen Haaren flattert im kalten Wind, Strähnen schlagen dem Mädchen immer wieder ins eigene Gesicht. Sie muss gegen den Wind ankämpfen, wenn er ihr direkt ins Gesicht bläst, so schwach scheint sie zu sein.
Sie bleibt stehen, atmet schwer und späht in die Dunkelheit. Nichts zu erkennen, nur Dunkelheit und noch dunklere Schatten die das Mondlicht wirft. Dann schleicht sie weiter, wie ein Raubtier welches irgendwie in der Tiefe der Finsternis doch noch eine Beute entdeckt hat. Sie geht gebückt durch das kniehohe Gras. Dort, einige Meter entfernt, steht eine Bank und darauf liegt jemand. Sie kommt näher und kann im Schein des Mondes einen hellgrauen Schlafsack entdecken, in den sich der Unglückliche eingerollt hat. Sie hört ein lautes und unregelmäßiges Schnarchen, eine leere Flasche Wein steht neben der Bank. Als sie das sieht, verzieht sie das Gesicht und schüttelt sich als würde sie sich ekeln. Aber ihre Augen glühen vor Verlangen, der Hunger ist unerträglich geworden, die letzten Wochen hat sie nur überlebt, weil sie ihren Hunger mit minderwertigem Blut von Tieren des Waldes gestillt hat. Doch jetzt muss es endlich soweit sein, und sei dieses Blut auch noch so widerwärtig – es ist besser, als weiter zu darben.
Sie schleicht sich leise an die Bank heran, begutachtet den Schlafenden. Er scheint doppelt so schwer wie sie zu sein und mindestens zwei Köpfe grösser. Es muss schnell gehen, er darf nicht aufwachen, er darf sich nicht mehr wehren. Das ist nicht leicht wenn man kraftlos und ausgehungert ist. Sie legt ganz langsam ihre kleinen und schlanken Hände auf den Saum des Schlafsacks. Ihre Hände berühren den langen Bart des Mannes auf der Bank. Sie zögert einen Moment, weiss sie doch, dass dieser Mann genauso bedauernswert ist wie sie selbst. So sehr ihr auch immer wieder eingetrichtert wurde dass es sich ausnahmslos um Beute handelt, so schwer fällt es ihr dies zu akzeptieren. Genau genommen ist das erst ihr zweites Opfer, das erste fiel ihr in die Hände wie ein Geschenk des Himmels... ein Mann, der bewusstlos im Wald lag als sie gerade ihren Hunger mit Tierblut stillen wollte weil sie sich keinen Rat mehr wusste. Er war wohl ausgeraubt worden, er blutete aus einer Kopfwunde. Selbst wenn sie satt gewesen wäre, wäre es unmöglich gewesen, an diesem Schmaus vorbeizugehen. Das frische Blut konnte sie schon mehrere Dutzend Meter vorher wittern. Sie stürzte sich regelrecht darauf, der Mann wurde nicht mehr wach. Doch hier liegt der Fall anders. Die Beute lebt noch, auch wenn sie wohl zumindest betäubt ist. Ihr Vater fand meistens Menschen welche sich ebenso betäubt hatten, mit Alkohol wie er sagte. Und wirklich schmeckte das Blut anders, nicht so intensiv, irgendwie chemisch und nachdem sie ihren Hunger gestillt hatte, wurde ihr übel und schwindelig und sie verfluchte ihren Vater, dass er wieder nichts Gutes zum Essen gefunden hatte.
Sie zittert als sie ihre kleinen Hände um den Hals der Beute legen. Vater hatte ihr oft genug gezeigt wie es geht. Bevor man anfangen durfte zu trinken sollte man sicher sein, dass keine Gegenwehr mehr zu erwarten war. Vater hatte grosse, schwielige Hände, er fasste mühelos um den Hals der Beute, drückte zu, bewegte seine Hände ruckartig und dann knackte auch schon das Genick, ein Geräusch, bei der ihr jedes Mal ein Schauer über den Rücken lief. Sie atmet tief durch, ihr Griff wird noch fester und dann nimmt sie alle Kraft zusammen und dreht ihre Hände, so wie sie es beim Vater gesehen hatte. Doch statt eines Knackens hört sie ein überraschtes Brummen, ein Stöhnen und der Mann richtet sich schlagartig auf. Erschrocken lässt sie los und ehe sie sich versieht, verliert sie das Gleichgewicht und sitzt plötzlich auf dem Hintern. Der Mann springt auf und flucht laut. Panikartig springt sie auf und läuft los, verfolgt von dem wütenden Mann der wohl davon ausgeht bestohlen worden zu sein. Sie bringt einige Meter zwischen sich und die wütende Stimme, dann explodiert etwas in ihrem Kopf, so fühlt es sich jedenfalls an. Aus den Augenwinkeln sieht sie die leere Weinflasche an ihrem Kopf vorbeifliegen, sie dreht sich mehrere Male um die eigene Achse, bevor sie im Gras landet. Das Mädchen läuft weiter, stolpert mehr als das sie läuft. Schwindel, Schmerz, Angst und Panik sind allgegenwärtig, doch sie treibt sich vorwärts. Die böse Stimme in ihrem Rücken wird immer leiser und leiser... erst als sie sie gar nicht mehr hört, lässt sie sich erschöpft ins Gras fallen und bleibt schwer atmend liegen. Hinter diesem Busch wird man sie so schnell nicht entdecken, jedenfalls nicht bevor es hell ist. Hell! Es war schon spät als sie losgegangen ist, der nächste Tag ist sicherlich nicht mehr fern... sie muss hier weg und zwar schnell – das sind ihre letzten Gedanken bevor sie bewusstlos wird.
Start der Veröffentlichung
von Alina am 15.07.2026 07:44Heute ist also der Tag, an dem ich die Veröffentlichung der Geschichte beginne.
Ich wünsche uns eine Menge Freude bei der folgenden Geschichte.

Kapitel 1 - Episode 1
von Alina am 18.07.2026 09:49
28. Oktober 2013
Die Sonne war bereits untergegangen und nur wenig Mondlicht durchbricht die Wolkendecke. Der Himmel sieht schwarz aus als wäre bereits tiefste Nacht und der Wind peitscht den Regen durch die wie leergefegten Strassen. Nur wenige Autos kriechen auf der nassen Fahrbahn entlang. Sie wirken ungeduldig und werden trotzdem vom Wetter zur Vorsicht gezwungen.
Dann wird das Toben des Herbststurmes vom plötzlichen und schrillen Quietschen der anhaltenden Strassenbahn durchdrungen. Die Türen öffnen sich und dunkle, anonyme und geschlechtslos wirkende Gestalten kommen heraus und hetzen in alle Himmelsrichtungen davon.
Ein junger Mann eilt in Richtung seines Wohnblockes, nur wenige hundert Meter entfernt. Auch er bleibt vom Wetter nicht verschont. Seine braunen Haare hängen ihm nass und tropfend im Gesicht während der raue Wind an seinem langem, schwarzen Mantel zieht und zerrt. Er durchquert den grossen Hof vor dem riesigen, grauen Plattenbau und rafft die Laptoptasche an sich, kurz bevor den Hauseingang erreicht.
Er bleibt vor der Tür stehen und durchsucht seine Taschen nach dem Schlüsselbund, als sein Blick an einer Gestalt hängenbleibt die wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht ist. Eine junge Frau, höchstens Mitte Zwanzig, steht neben ihm und wirft ihm einen kurzen Blick zu. Er kann in dem fahlen Licht des Eingangs ihre dunkelgrünen Augen schimmern sehen bevor sie den Kopf senkt. Auch sie kramt anscheinend nach ihren Schlüsseln. Ihre dunkelroten Haare kleben nass und in dicken Strähnen in ihrem Gesicht und verbergen ihre porzellanfarbene Haut vor seinen Blicken.
"N'abend" sagt er leise, während er den Schlüssel im Schloss dreht und die Tür aufstösst.
"Guten Abend", murmelt sie und huscht an ihm vorbei und verschwindet in der gähnenden Dunkelheit des schäbigen Hausflures. Das ehemalige Weiss der Kacheln hatte sich in ein schmutziges Grau verwandelt. An den Wänden und in den Ecken wimmelt es von Spinnen und ihren Netzen. Manche Briefkasten sehen wie aufgesprengt aus und ihre Türchen hängen teilweise nur noch an einer Angel, wenn sie nicht sogar ganz offenstehen.
Malte würde noch in diesem Jahr 27 Jahre alt werden und er arbeitet als Verwaltungsangestellter an der hiesigen Universität. Er betritt ebenfalls den dunklen Hausflur und sieht die junge Frau bereits die erste Treppe nehmen. Sein Blick fällt auf die Briefkästen und er sieht die Infobriefe der Hausverwaltung. Die junge Frau ist an den Briefkästen vorbeigelaufen, ohne darauf zu achten. In einer flüssigen Bewegung zieht er seinen Infobrief aus seinem Kasten und ruft hinter ihr her: "Ein Brief der Hausverwaltung... soll ich ihn schnell mitbringen?"
Wahrscheinlich ist es eine Mieterhöhung. Sie kommt immer im Herbst und somit sehr viel pünktlicher als nötige Reparaturen dieser Bruchbude, denkt er. Die junge Frau bleibt tatsächlich stehen und Maltes Stimme erreicht sie gerade noch, bevor sie um die Ecke verschwindet. Sie wirkt überrascht und schaut ihn an. Er vernimmt ihre recht leise, doch sehr sanfte und angenehme Stimme als sie sich bedankt und den Brief entgegennimmt, jedoch ohne grosses Interesse wie ihm scheint. Dann steigen sie die Treppen hinauf. Kurz bevor Malte auf seinem Flur zu seiner Wohnung abbiegen will, bleibt sie bereits auf der nächsten Treppe stehen und fragt ihn: "Wissen Sie, wo die Stromkästen sind? Ich habe sie nicht finden können."
Er hält kurz inne und schaut zu ihr auf. Dann antwortet er: "Klar, soll ich sie Dir schnell zeigen?"
Die leichte Verwirrung über diese etwas seltsam anmutende Frage lässt er sich nicht anmerken, zumindest versucht er sie weitgehend zu verbergen.
"Ja, sehr gern. Vielen Dank, mein Herr" antwortet sie ihm für seinen Geschmack viel zu förmlich, sodass er insgeheim schmunzeln muss.

Kapitel 1 - Episode 2
von Alina am 19.07.2026 07:00
Sie steigen weitere Treppen hinauf, noch ein Stockwerk und noch eines. Sie kommen ganz oben an und von diesem Stockwerk führt keine Treppe weiter hinauf. Hier oben ist es so dunkel, dass man gerade noch die Konturen des anderen ausmachen kann. Die junge Frau schaut sich kurz um, dann zieht sie knarzend eine Türe auf, die scheinbar nicht verschlossen gewesen ist. Fast augenblicklich wird sie von der Dunkelheit des dahinter liegenden Raumes verschluckt. Er folgt ihr und tastet die Wand nach einem Lichtschalter ab. Doch ehe er einen Schalter finden kann, zeichnen sich ihre Schemen in dem dunklen Gang ab. Er hört vor sich ihre sanfte Stimme: "Er funktioniert nicht mehr."
Daraufhin bricht er die weitere und vor allem unnütze Suche nach einem Schalter ab und tastet sich weiter an der Wand entlang. Wiederum fast auf Anhieb verschwindet sie erneut in der tiefen Dunkelheit des Raumes. Dann nur wenig später vernimmt er scheinbar aus einem anderen Raum die Stimme erneut: "Ich habe ein Feuerzeug. Hier..."
Sie scheint sich in der Dunkelheit sehr sicher und zielstrebig bewegen zu können. Aber gut, immerhin wohnt sie ja anscheinend hier, denkt er.
"Kannst Du es kurz anmachen? Ich habe Dich aus den Augen verloren", fragt er mit einem süffisanten Unterton. Er hört ein leises Zischen und am Ende des Ganges leuchtet eine kleine Flamme auf. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in seiner Magengegend breit, die ganze Situation ist ihm nicht geheuer.
"Ich dachte schon, die Dunkelheit hat dich verschluckt", sagt er. Doch sie geht nicht auf diesen Kommentar ein. Stattdessen schaut sie ihn abwartend an. Er geht an ihr vorbei und zielsicher findet er den Sicherungskasten an der rechten Wand des Nebenraumes. Genauso ist es auch bei ihm. Diese Wohnung ist anders geschnitten als seine. Ausserdem müssen sie sich auch unter dem Dach befinden. Aber trotzdem sind die Sicherheitskästen wohl alle an der gleichen Wand angebracht. Er klopft kurz gegen den Kasten, sodass sie ein metallisches Pochen vernehmen kann. "Da wären wir."
Sofort macht sie einen Schritt auf ihn zu und leuchtet ihm mit der Flamme des Feuerzeuges. "Könnten Sie bitte das Licht wieder einschalten, bitte?" In ihrem Gesicht zeichnet sich Hilflosigkeit, gepaart mit Unbehagen, ab.
"Das sollte ich hingekommen. Darf ich mal kurz das Feuerzeug haben?"
Sie quittiert die Frage mit einem kurzen Nicken, dann werden sie beide sofort von Finsternis umfangen. Es dauert nur einen kurzen Moment, dann spürt er einen leichten Druck auf seiner Brust und als er an die Stelle greift, da spürt er zuerst die Hand der jungen Frau, deren feingliedrige Finger noch immer das Feuerzeug umfassen. Als er ihre Haut berührt, zuckt sie kurz zusammen. Dann nimmt er ihr das Feuerzeug sanft aus der Hand. Und einen Augenblick später zischt es wieder und der schlichte Raum wird wieder von dem flackernden Licht des Feuerzeuges erhellt.
Dann endlich legt er den Schalter der Sicherung um und mit einem lauten Klacken der Deckenlampe füllt sich der Raum mit einem fahlen, gelben Licht. Die junge Frau steht mit einem erleichterten Lächeln am Lichtschalter und mit der Dunkelheit scheint auch die unheimliche Atmosphäre verschwunden.
"Vielen Dank für Ihre Hilfe." Im immer wärmer werdenden Licht der Deckenlampe scheinen ihre roten Haare heller zu leuchten und bilden einen sehr schönen Kontrast zur einfachen, herbstfarbenen Kleidung und ihrem blassen, fast weissen Teint.
"Nichts zu danken." Er streckt seine Hand aus. "Vergiss Dein Feuerzeug nicht."
Als sie es ihm aus der Hand nimmt, ziert erneut der Anflug eines Lächelns ihr Gesicht, dann nickt sie nochmal dankbar und öffnet ihm wieder die Wohnungstür.
"Hab' noch einen schönen Abend", sagt er und verlässt die Wohnung.
"Danke, ich wünsche Ihnen auch einen schönen Abend, mein Herr."
Bevor sich die Tür wieder schliesst, kann er noch einen kurzen Blick in die triste, anscheinend vollkommen unmöblierte Wohnung werfen. Dann macht er sich auf den Weg und geht wieder die Treppen hinunter, um endlich in seine eigene Wohnung zu gelangen.
Nun spürt er auch seine Erschöpfung und atmet tief durch. Er lässt die Tasche im Flur stehen, hängt den Mantel an der Garderobe auf, schlüpft aus den Schuhen und geht in die Küche, um sich dort einen Tee zu kochen.
"Was für ein elend langer Tag...", seufzt er und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Er schaut dem Wasserkocher geistesabwesend zu, dann giesst er das kochende Wasser in seine Lieblingstasse, in der bereits ein Beutel Schwarztee hängt. Er nimmt sie mit, betritt das Wohnzimmer, schaltet den Fernseher ein und lässt sich in den tiefen Sessel fallen.
Es dauert nicht lange, bis ihm die Augen zufallen und er wegdöst. Als der Nachrichtensprecher von einem neuem Mord in einem angrenzenden Stadtteil berichtet, horcht er noch einmal kurz auf. Ein Mann ist in einem Park ermordet worden. Aber als danach der Abendfilm beginnt, da versinkt er endgültig im Reich der Träume.

Kapitel 1 - Episode 3
von Alina am 20.07.2026 10:36
29. Oktober 2013
Das Mondlicht taucht die Welt in ein kaltes Dunkelblau, als Malte in die Straßenbahn einsteigt. Der Nieselregen und der Wind machen die Kälte sehr durchdringend. Er ist froh, als er sich in der trockenen Bahn befindet.
Er schaut sich nach einem Sitzplatz um. Wie immer ist kein Platz frei – es sei denn, Malte möchte gegenüber einem alten Obdachlosen sitzen, der über zwei Sitze verteilt schläft. Die Feierabendverkehr geht bald zu Ende. Erst dann gibt es mehr Platz in den Bahnen.
Seufzend gibt er die Suche auf und hält sich an der Haltestange fest. Nach einigen Augenblicken setzt sich die Bahn ruckelnd in Bewegung. Draussen sausen die verzerrten Lichter der Laternen immer schneller vorbei. Malte fühlt eine starke Sehnsucht nach seiner Couch.
Die langen Schlangen der Bahnen bringen die Menschen zurück in die Stadtteile, die übersät sind mit riesigen und mittlerweile alten Plattenbauten. Hier wohnt auch Malte.
Aus den Lautsprechern quäkt eine weibliche Stimme vom Band. "Schillerstraße" und kurze Zeit später "Berliner Straße". Malte lächelt müde. Nur noch eine Station und er ist endlich zuhause. Die Menschen in der Bahn sind ebenso müde wie Malte und ihre Gesichter sind grau. Niemand interessiert sich für den jeweils anderen. Man hört kein einziges Gespräch.
Dann wird die Bahn kreischend langsamer und Malte stolpert ein kleines Stück nach vorn. Er kann sich festhalten und steigt aus, als sich die Türen öffnen. Aus dem Nieselregen ist ein Schauer geworden und die Laterne an seiner Haltestelle ist seit Monaten defekt. Es ist dunkel.
Malte rafft seinen Mantel enger und klappt den Kragen hoch, bevor er ihn ins Gesicht zieht. Dann geht er schnellen Schrittes los.
Er sieht das grelle, weisse Licht vor seinem Wohngebäude und beeilt sich, über die Straße zu kommen. Er behält den schnellen Schritt bei. Und er bemerkt, wie sich seine Schuhe langsam mit Wasser füllen und der Regen dafür sorgt, dass seine Hose durchnässt.
Seine Augen verengen sich noch weiter, als er auf der Bank vor dem Wohnblock eine zierliche Gestalt sitzen sieht. Das kommt nicht oft vor und erst recht nicht bei diesem Wetter.
Seine Schritte werden langsamer und seine Gedanken rasen schneller, warum jemand bei diesem ungemütlichen Regenschauer draussen sitzt. Aber dann hat er die Bank auch schon beinahe erreicht. Etwas Rotes glüht auf, es scheint eine Zigarette zu sein.
Malte erkennt die junge Frau von gestern und bleibt kurz stehen. Er begrüsst sie mit einem Lächeln und einem knappen Zunicken. Sie sitzt zurückgelehnt auf der Bank, sie trägt einen Pullover und hat sich eine Jacke übergestreift, die trotz des Regens offen ist. Sie hat eine Kapuze über den Kopf gezogen und das rote Haar quillt rechts und links heraus und hängt feucht herunter. Sie lächelt ebenfalls, als sie ihn erkennt.
Sie zieht an der Zigarette und hält sie schräg vor ihr Gesicht – um ihm zu zeigen, dass sie der Grund dafür ist. Dabei lächelt sie entschuldigend. Malte grinst und nickt kurz.
"Willst Du Dich nicht irgendwo unterstellen?" Langsam dringt das Wasser bereits durch seinen Mantel, der schon jetzt nass an ihm klebt.
Sie zuckt mit den Schultern und steht dann von der Bank auf. "Kommst du gerade von der Arbeit?", fragt sie und es klingt beiläufig.
Malte nickt kurz. "Ja", antwortet er ebenfalls einsilbig.
Die Kleidung scheint ebenfalls an ihr zu kleben, sie ist auch völlig durchnässt. Aber im Gegensatz zu Malte scheint es sie nicht zu stören.
Sie begleitet Malte bis zur Haustür wo ein kleines Vordach dafür sorgt, dass der Regen sie nicht weiter durchnässen kann. Dort bleiben beide stehen.
"Was arbeitest du denn?", fragt sie. Doch es klingt nicht neugierig, sondern abschätzend.
Malte kramt in seiner Tasche herum und holt eine angebrochene und etwas zerknitterte Packung Zigaretten heraus. Auch sie ist etwas aufgeweicht. Sein Blick verrät, dass er heute kein Glück zu haben scheint. Die letzte Zigarette ist nass und aufgerissen. Er nimmt sie heraus und wirft sie auf den nassen Asphalt vor der Tür.
"Ich arbeite an der Universität..." Er schweigt einen Moment und fügt dann hinzu: "...also ein Bürojob." Ein müdes Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab.



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